Projektbeschreibung

Mit dem Untergang der kommunistischen Diktaturen in Europa setzten heftige Diskussionen um den Umgang mit den allerorten sichtbaren Hinterlassenschaften dieser Systeme und Gesellschaften ein. So führte beispielsweise der euphemistisch als Rückbau bezeichnete Abriss des „Palastes der Republik“ in Berlin zu jahrelangen Kontroversen. In der zutiefst politisch und emotional aufgeladenen Diskussion wurde zwischen den Extremen von Abriss und Konservierung die Haltung zu dem repräsentativen Bauwerk konfliktreich verhandelt. Dabei weist diese Debatte in ihrem Anliegen weit über das konkrete Gebäude, über Berlin und Deutschland hinaus. Mit ihr ist ein zentraler Aspekt des Umgangs mit jener Vergangenheit angesprochen, die in Lebenswelt und Alltag noch immer visuell präsent ist. Was lohnt es zu erhalten, zu musealisieren, einer gewandelten Nutzung zu übergeben und mit welchen Argumenten lässt sich eine Beseitigung, ein Verdrängen und Vergessen begründen? Die Antworten darauf entstehen in einer Spannung zwischen künstlerischem und architektonischem Wert einerseits, erinnerungspolitischer Einordnung und Bewertung andererseits.
Obwohl in den letzten anderthalb Dezennien zweifelsohne eine intensive historische Forschung, begleitet von zivilgesellschaftlichen Initiativen, eine Fülle von Wissen, von Begegnungsräumen, von Publikationen und Lesarten erarbeitet und bereitgestellt hat, sind zwei Leerstellen zu beobachten: Die verschiedenen Bereiche des Austarierens vergangenheitspolitischer Positionierung – Kunst, Politik, Wissenschaft usw. – wurden bislang weitgehend voneinander isoliert betrachtet. Zudem stellen länderübergreifende, vergleichende Sichtweisen ein noch wenig erprobtes Instrument bei dem Bemühen um ein konstruktives Voranbringen der auf das Selbstverständnis der heutigen Gesellschaften zielenden Beschäftigung mit der Zeitgeschichte dar.
Daher wenden sich künstlerische Arbeiten und wissenschaftliche Studien diesen beiden Defiziten zu, indem sie anhand von lokalen Beispielen in Deutschland und Osteuropa sowohl den Verlauf der Kontroversen um die Hinterlassenschaften als auch den alltäglichen Umgang mit ihnen rekonstruieren. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf eine interdisziplinäre Herangehensweise gelegt. In der vergleichenden Gegenüberstellung werden dabei regionale und nationale Besonderheiten im Umgang mit symbolisch und ideologisch aufgeladener Architektur deutlich. Die künstlerischen Arbeiten versprechen, neben den unterschiedlichen politischen und kommerziellen Strategien besonders auch die privaten, individuellen Möglichkeiten der Umdeutung von Gebäuden und Plätzen aufzuspüren. So kann auch die zu beobachtende private Sammlungstätigkeit und nicht-öffentliche Musealisierung von Relikten vergangener Systeme der öffentlichen Musealisierung von Geschichte gegenübergestellt und deren Möglichkeiten für die Darstellung von Geschichte problematisiert werden.
Die künstlerischen Arbeiten werden in einem Kolloquium durch Vorträge aus den Geistes-, Sozial- und Kunstwissenschaften kontextualisiert. Die verschiedenen Herangehensweisen lassen ein Spannungsfeld entstehen, in dem sich Kunst und Wissenschaft gegenseitig bereichern, in der Zusammenschau neue Perspektiven eröffnen und unterschiedlichste Sichtweisen auf ein und dasselbe Thema ermöglichen. In der Vergangenheit wurde dieser Ansatz bei Projekten des Leipziger Kreises bereits mehrfach angewendet. (Vgl. das vergangene Projekt „Der Feind im Kopf. Künstlerische Zugänge und wissenschaftliche Analysen zu Feindbildern”, Leipzig 2003)
Bei der Auswahl der Künstler und Künstlerinnen sowie der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen soll neben der konzeptuellen Originalität wie notwendigen wissenschaftlichen Stringenz besonders die Zusammenarbeit mit wissenschaftlichem und künstlerischem Nachwuchs eine große Rolle spielen. Die Konzentration auf den Nachwuchs erklärt sich vor allem aus der Sensibilität gegenüber generationellen Unterschieden in dem Erleben von Systemwechseln und daher dem jeweils spezifischen Umgang mit ihren Überresten. Bislang wurden die Aushandlungen zumindest in Deutschland vor allem von jenen geführt, die im Kalten Krieg und während des geteilten Deutschland sozialisiert und aufgewachsen sind. Das Einbeziehen jüngerer Generationen kann daher zu einem neuen, da anderen Blick auf die eingefahrenen Diskussionen beitragen.

Präsentation/Organisation

Die Ergebnisse des Projektes werden – der Strategie der Gleichwertigkeit aller Zugänge folgend – zeitgleich in einer künstlerischen Ausstellung wie in einem wissenschaftlichen Kolloquium präsentiert.
Der Ablauf des wissenschaftlichen Kolloquiums wird sich aus einer Kombination von überblicksartigen Darstellungen zur Thematik wie aus der Präsentation der projektbezogenen Forschungsergebnisse zusammensetzen. Begleitend zur Ausstellung und zum Kolloquium ist die Erarbeitung und Herausgabe einer Publikation geplant, die gleichermaßen als Ausstellungskatalog wie auch als wissenschaftlicher Sammelband fungiert.
Bezugnehmend auf die bisherigen Kooperationsbeziehungen des Leipziger Kreises soll die Ausstellung in der Nachbearbeitung in ein transportfähiges Format gebracht werden, um die Ergebnisse der künstlerischen Auseinandersetzung einem noch weiteren Publikum zugänglich zu machen.
Die Erarbeitung des Projektes erfolgt in Kooperation mit „Sichtwechsel – Agentur für Kunst und Kulturgeschichte“.

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