BIRGIT SCHLIEPS BERLIN
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Prospective pyramids
Vier Ansichten vom Hotel Rossija in Moskau, 2005–2007

Fotografische Arbeiten / Installation


Das Hotel Rossija wurde 1967 in Moskau gegenüber dem Kreml im alten Zentrum Zaradije gebaut – nachdem Ende der vierziger Jahre nach Abriss des Altstadtviertels doch kein achtes Stalinhochhaus entstand – und war mit 3.200 Zimmern auf 12 bzw. 21 Stockwerken eines der größten Hotels Europas. Das Hotel war vor 1991 für viele aus der ganzen Sowjetunion ein Sehnsuchtsort, wegen der moderaten Preise tatsächlich mögliches Ziel einer Moskaureise nicht nur für Volksdeputierte, wegen der großen Konzerthalle kultureller Kulminationspunkt und wegen der ausländischen Gäste zu den Moskauer Filmfestspielen auch ein Fenster zum Rest der Welt. Seit dem 1. Januar 2006 wird es zeitgleich mit dem Palast der Republik in Berlin abgerissen nach dem Motto »Der Ort ist zu gut für ein Hotel der dritten Kategorie« Geplant sind ein »multi-funktionaler Komplex« mit kleineren 5-Sterne Hotels, einer neuen Konzerthalle, Shopping-Malls und einer Tiefgarage.
Die Fotografien sind aus dem Inneren des Gebäudes aufgenommen, zumeist aus den – über zwei Stockwerke gehenden – Cafes und den öffentlichen Räumen in den letzten drei Stockwerken des umlaufenden Gebäuderiegels das ein Rechteck von ca. 400 m auf 600 m einnimmt. Sie zeigen einen Blick von innen auf das Gebäude und die dahinterliegende Stadt, und von innen auf das Gebäude und ein weiteres dahinterliegendes Innen, den Blockinnen-bereich mit den Grünanlagen und der großen Konzerthalle.
Das Video zeigt auf 4 Bildschirmen im Viereck mit zueinander gekehrten Rücken 4 Ansichten aus dem Hotel Rossija – u. a. diejenige, die für Fernsehinterviews und Kommentare mit Blick auf den Kreml benutzt wurde –, Interviewausschnitte zum gegenwärtigen Stadtumbaus Moskaus und Szenen mit einer „Korrespondentin“, die vor dem Hotel Rossija Ausschnitte aus der »Moskau Times« und »Moscow News« zur territorialen Politik Moskaus und Russlands vorträgt.
Mit der Installation entsteht eine mehrfach panoptische Situation, die Positionen von Innen und Außen oszillierend vertauscht. Das weltpolitische Geschehen, normalerweise außerhalb des Gebäudes stattfindend, wurde zuerst durch das »Hauptstadtstudio« der Eurovision-Sendestation im 11. Stock in das Gebäude hineingetragen und hat es letztlich strukturell – im übertragenen Sinne – von innen zerstört, da ein 3-Sterne-Hotel an diesem innerstädtischen Ort, jetzt politisch nicht mehr gewollt wird. Unter dem Vorwand einer ästhetischen Diskussion wurde das Hotel Rossija, aufgrund der zu erwartenden Rendite durch eine Privatisierung und Neunutzung des Grundstücks, abgerissen
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VITA
1968 geboren in Stuttgart, lebt in Berlin; 1992 - 1993 Cooper Union, School of Architecture and Art, New York; 1994 - 1998 Bildhauerei und Multi Media bei Lothar Baumgarten, HdK Berlin; 1999 - 2005 Lehrassistenz für experimentelles Entwerfen, Kunst und Architektur, TU Berlin; 2001Arbeitsstipendium Stiftung Kunstfonds Bonn; Veröff.: 2005 »Rohmodelle / Raw Models«, Revolververlag, Frankfurt a. M.; Mitbegründerin von *»www.stadtimregal.de«

Ausstellungen: 2000 »Z 2000«, »Bungalow«*, Akademie der Künste, Berlin (K); 2002 »zwischenidealenwelten« (E), plattform, Berlin; »Mahagoni«*, offspace, Wien; 2003 »Superumbau«, »WK8P2Abbau«*, Hoyerswerda; 2004 »EU positive«, Akademie der Künste, Berlin, (K); 2005 »Vom Verschwinden, Weltverluste und Weltfluchten«, Hartware MedienKunstVerein, Phoenixhalle, Dortmund, (K); 2006 »Not Sheep: New Urban Enclosures and Commons«, Urban subjects, Artspeak, Vancouver; 2007 »Trancemoderne« (E), Galerie Zwinger, Berlin; »Kongress der Futurologen«, Aktivist, Eisenhüttenstadt, (K)