VERENA LANDAU LEIPZIG
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»ensemble«
Malerei / Installation

In meinem Malereiprojekt »ensemble« setze ich mich mit der Leipziger Brühlbebauung auseinander. Der Umgang mit den Plattenbauten der späten 60er Jahre wurde in Leipzig und über Leipzig hinaus in den letzten Jahren auf verschiedenen Ebenen diskutiert und kritisch beleuchtet, wodurch die Gebäude eine verstärkte Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit erfuhren. Nicht zuletzt der bevorstehende Abriss, das Scheitern an einer städtebaulichen Herausforderung, machen den Komplex am Sachsenplatz zu einem Ort der öffentlichen Erinnerung.
Es stellt sich die Frage, ob der zwischen 1966 bis 1968 entstandene Gebäudekomplex, welcher drei 10-geschossige Wohnscheiben und ein Kaufhaus umfasst, als eine typische Repräsentationsarchitektur der DDR zu klassifizieren ist. Die Denkmalwürdigkeit der Brühlbebauung wurde bisher, wie es bei vielen Bauten der 60er der Fall ist, noch nicht offiziell bestätigt. Der zeitliche Abstand, der benötigt wird, um ein Gebäude angemessen beurteilen zu können, wird auf ca. 35 Jahre geschätzt, welches ungefähr mit der Distanz einer Generation gleichzusetzen ist. Bisher mangelt es an einem Kriterienkatalog. Die Leipziger Architektin Antje Heuer (Karo-Architekten, Leipzig) proklamierte in einem Artikel der Leipziger Blätter (Heft 44, 2004) “Da Kriterien von Menschen gemacht werden, ist die öffentliche Meinung dabei nicht ohne Belang.”

Welche Argumente sprechen für den repräsentativen Charakter der Brühlbebauung? Sie entstand im Zuge eines »Plans für den Aufbau der Leipziger Innenstadt« von Walter Lucas, der im Laufe der 60er Jahre umgesetzt werden sollte; zugunsten “einer großzügigen und optimistischen Zukunftsvision” wurde mit den alten gründerzeitlichen Strukturen radikal gebrochen. Auch wenn in Westdeutschland in den 60er Jahren ähnliche Scheibenhäuser gebaut wurden, so standen diese Gebäude in Leipzig für die sozialistische Moderne. Der technische Fortschritt der DDR manifestierte sich in einer neuen industriellen Bauweise, erstmals wurde hier eine spezielle Plattenbautechnik (mit 5 Megapond schweren Plattenelementen) erprobt. Städtebaulich provokant wirkten die quer gestellten Wohnscheiben, da sie die Innenstadt einerseits begrenzten, sie aber zugleich zum äußeren Ring hin öffneten. Es entstand ein Areal, das Weltoffenheit und großstädtisches Flair suggerierte. Die Brühlbebauung war ein Statement für das Wohnen in der City – die Utopie des »sozialistischen Wohnens« wurde hier mustergültig vorgeführt. Jedoch spiegelten sich darin auch die Widersprüche der DDR, denn die ökonomischen Plattenbauwohnungen am Brühl waren aufgrund ihrer Lage und ihres damaligen Standards privilegiert. Es heißt sogar, dass Mitarbeiter der Stasi bei der Wohnungsvergabe bevorzugt wurden.
Der Repräsentationscharakter eines Ortes lässt sich vor allem an seinem Grad an Öffentlichkeit messen. Das Ensemble war nicht nur als privater Lebensraum konzipiert worden, sodern integrierte unter anderem das polnischeInformations- und Kulturzentrum mit Ausstellungsräumen, Bilbliothek und Filmsaal. Es handelte sich also um öffentliche Räume, die für den Kulturaustausch genutzt wurden und die die Internationalität der Stadt Leipzig repräsentierten. Darüber hinaus war das gesamte Areal mit der Touristeninformation, gegenüber auf dem Sachsenplatz gelegen, ein touristischer Ort, ein Ort des Flanierens und ein beliebtes Postkartenmotiv. Insbesondere durch die hoch angebrachte Leuchtschrift “Willkommen, Bienvenue, Welcome…”, die jeden Besucher beim Einfahren in die Stadt begrüßte, wurde das Ensemble zu einem Leipziger Wahrzeichen. Seitdem bekannt gegeben wurde, dass die drei Wohnscheiben aus dem Leipziger Stadtbild verschwinden und durch ein Einkaufszentrum ersetzt werden, gab es verschiedenste Veranstaltungen in und um die Brühlbebauung, welche ihren identitätsstiftenden Charakter untersuchten und sich für deren Erhalt engagierten. Diese Veranstaltungen – wie z.B. das von »archleague« iniziierte Diskussionsforum »Brühl-Browser« oder das durch die Kulturstiftung des Bundes geförderte Projekt »Heimat Moderne« – haben das Ensemble am Brühl einmal mehr in einen außerordentlich öffentlichen Ort verwandelt.


Künstlerisches Vorhaben:

Bei meiner Wahl des Themas war für mich die veränderte öffentliche Wahrnehmung ausschlaggebend und damit verbunden eine Veränderung meiner eigenen Wahrnehmung des Ortes. Ich gab ihm den Vorzug vor anderen vergleichbaren Phänomenen, da er für mich persönlich von einem eher negativ besetzten Ort zu einem Raum der gesteigerten Aufmerksamkeit wurde. Für meine Generation, der in den 60er Jahren Geborenen, ist diese Art der Architektur auch in der westdeutschen Stadtlandschaft prägend gewesen. Jedoch war sie anders konnotiert, stand für eine andere Politik, für ein anderes Wirtschaftssystem und viele Gebäude sind in den westlichen Städten bereits früher abgerissen worden. Die Athmosphäre der 60er und 70er Jahre der DDR war kürzlich in Leipzig noch stärker spürbar und droht nun ebenfalls zu verschwinden.
Das Medium Malerei eignet sich, um den Spuren dieser Gesellschaft, die ich nicht persönlich kennengelernt habe, nachzugehen und die zeitliche Distanz zu überbrücken. In einer Serie von Malereien unterschiedlichen Formates möchte ich den Umgang der Bevölkerung mit dem Areal am Brühl von 1966 bis heute aufzeigen. Anknüpfend an meine malerischen Projekte der letzten Jahre, welche sich auf die Benutzung öffentlicher Orte konzentrierte, wird hier das Verhältnis einzelner Personen und Personengruppen zum sie umgebenden Raum untersucht. Auf der Grundlage von dokumentarische Fotografien aus dem Archiv möchte ich den repräsentativen Charakter des symbolisch aufgeladenen Areals herausarbeiten, wobei ich den Fokus auf dessen Benutzer richte. Welche Auskunft geben die Zeitdokumente über die Handlungen der Personen? Wie bewegten sie sich? Wie wirkt dies heute auf uns als Gesamtbild? Und wie wurde das Ensemble durch die Sicht der Fotografen damals dargestellt? Indem ich diese Bilder der späten 60 er bis 80er der DDR malerisch übersetze, erfahren sie eine persönliche Interpretation. Die Dokumentarfotos aus dem Archiv werden mit Bildern aus anderen Quellen (Filme, Fotos aus Familienalben) und eigenen Aufnahmen jüngeren Datums konfrontiert. Als Wandinstallation werden die entstanden Arbeiten zu einem neuen »Ensemble« kombiniert, welches keiner systematischen Logik oder zeitlichen Chronologie folgt, sondern Brüche aufweist. So mag eine Malerei, welche ein verblichenes Schwarzweiß-Foto eines flanierenden Paares vor dem Eingang des Polnischen Informationszentrums simuliert, neben ein gemaltes Videostill gestellt werden, welches ein Fragment des Rückbaus im Oktober 2007 festhält. Die Brüche und Irritationen werden durch voneinander abweichende Malweisen unterstrichen.
In den einzelnen Bildern können Überblendungen, Manipulationen und Störungen auftauchen, die beim Betrachter Fragen aufwerfen: Was macht die Athmosphäre
oder die Qualität eines Ortes aus? Handelt es sich um sogenannte Nicht-Orte oder um identitätsstiftende Orte? Wie werden Nicht-Orte zu Orten? Wie ist dies sinnlich erfahrbar? Wie entsteht sozialer Raum? Ist dessen Zerstörung darstellbar? Steckt in der Beschäftigung mit dem Vergangenen noch ein utopisches Potential?

Malerei ist für mich eine Möglichkeit, die Erzählungen der Zeitdokumente zu hinterfragen, sowie die Konstruiertheit meines gegenwärtigen Lebensraums genau zu beobachten. Das zugrundeliegende fotografische Bild erschließt sich
durch die malerische Übersetzung anders als durch die reine Reproduktion. Bisweilen lässt die malerische Transformation den Bildgegenstand unwirklicher und unglaubwürdiger erscheinen als die Fotografie und dies verlangt eine andere Art der Auseinandersetzung mit dem Dargestellten. Die durch die Wandinstallation »ensemble« ausgelösten Reaktionen der Betrachter, die aufgeworfenen Fragen und Diskussionen während der Ausstellung und Tagung, sehe ich als Teil der künstlerischen Arbeit. In diesem Sinne begreife ich Malerei als eine kommunikative Strategie.

VITA
1965 geboren in Düsseldorf
1985 Lehre als Buchbinderin
1990 Ausbildung und Lehrtätigkeit in historischen Maltechniken im Atelier
»Charles Cecil Studios«, Florenz, Italien
1994 Studium der Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst
Leipzig bei Arno Rink und Neo Rauch
1999 Diplom in Malerei und Grafik, HGB Leipzig
seit 2002 künstlerische Leitung von interkulturellen Austausch-Projekten und Fortbildungen in Frankreich und Israel
2003 Stipendiatin der Sparkassenkulturstiftung Hessen-Thüringen im Künstlerdorf Willingshausen, Hessen

Einzelausstellungen
2007 »access« Galerie Filipp Rosbach
2006 Galerie Gmyrek, Düsseldorf | »en_trance« Galerie Jürgen Kalthoff, Essen
2005 »Nachbilder 2003-05«, Galerie Bose, Wittlich [Edition] | »passover«, Galerie im Kunsthaus Erfurt [Katalog]
2004 »Diskretionsbereich«, Kunstverein Leipzig
2003 »vor dem nachbild«, Galerie Jürgen Kalthoff, Essen | »vor dem nachbild«, im Rahmen des Stipendiums der Sparkassenkulturstiftung Hessen-Thüringen im Künstlerdorf Willingshausen, Hessen [Katalog]
2001 »movingstills«, Galerie Jürgen Kalthoff, Essen | »foreign-I-movement«, Galerie Bose, Wittlich [Katalog] | »foreign-I-movement«, Tanzhaus NRW, Düsseldorf | »Passing Pasolini«, voxxx.galerie, Chemnitz [Katalog]
1999 »Pasolini-Stills« im Rahmen des Projektes Transformat, Diplomausstellung mit Miriam Vlaming in der ehemaligen Umspannstation am Floßplatz, Leipzig [Katalog]

Gruppenausstellungen
2006 »Grand Ouvert«, Galerie Filipp Rosbach, Leipzig | »transformidable - Übergänge zwischen Malerei, Installation und Fotografie«, Kunstverein Landau [Katalog] | »Happy Birthday«, Galerie im Kunsthaus Erfurt [Katalog] | »Still Missing: Beauty Absent Social Life«, New York School of Visual Arts, New York, USA [Katalog] | »Neue deutsche Malerei: Leipziger Schule«, Museum Krolikarnia Palais, Warschau, Polen [Katalog] | »The history place«, kuratiert von Goran Tomcic, Moti Hasson Gallery, New York, USA
2005 »Es geht voran - Über das Potenzial ungenutzter Möglichkeiten«, kuratiert von Thomas Klemm, Laden für Nichts, Leipzig [Katalog] | »5 Jahre Galerie Jürgen Kalthoff«, Galerie Kalthoff, Essen | »Leipziger Jahresausstellung«, Städtisches Kaufhaus, Leipzig [Katalog] | »Urbane Malerei«, Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig | »Update 05 - Positionen zur Malerei aus Deutschland«, Galerie Gmyrek, Düsseldorf | »Der Feind im Kopf - künstlerische Zugänge und wissenschaftliche Analysen zu Feindbildern«, Ausstellung und Tagung, Galerie der HGB Leipzig [Katalog]